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Wer sind die Global Player von morgen?

Interview mit Prof. Dr. Hartwig Webersinke

Auf dem Campus der Hochschule Aschaffenburg wird schon seit Jahren gebaut. Für den Dekan, Prof. Dr. Hartwig Webersinke, legt man mit jedem Bauprojekt Grundsteine – im wahrsten Sinne des Wortes - für das, was Deutschland in Zukunft einen festen Platz im globalen Wettbewerb eintragen soll: ein erstklassiges Bildungsangebot.

Ein gut gelaunter Dekan empfängt uns. Die heitere Stimmung des folgenden Interviews scheint so gar nicht zu unserem ernsten Thema „Wer sind die Global Player von morgen?“ zu passen, denn Deutschland hat es da wohl nicht leicht. Doch hier sitzt der Optimist Webersinke.


Prof. Dr. Hartwig Webersinke ist Dekan der Wirtschafts- und Rechtsfakultät und Professor für Finanzdienstleistungen an der Hochschule Aschaffenburg. Seine Forschungs- und Lehrgebiete sind Finanzdienstleistungen, Asset Management, Kapitalmarkt- und Portfoliotheorie.

Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität in Giessen und war dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Statistik und Ökonometrie mit dem Forschungsschwerpunkt Zeitreihenanalyse und Prognose tätig.

Nach seiner Promotion 1989 war Prof. Dr. Webersinke bis 1999 als Leiter des Investment-Research der BHF-BANK AG, zuletzt als Direktor, für die Aktien- und Rentenanalyse als Chefanalyst verantwortlich. Heute gehört er einer Reihe von Aufsichtsratsgremien von Finanzunternehmen an und ist Mitglied in Anlageausschüssen und Beiräten von Spezial- und Publikumsfonds verschiedener Industrieunternehmen, von Sach- und Lebensversicherungen sowie einer Reihe von Pensionskassen.


PASS AGE:
Wir möchten mit Ihnen über die Global Player von morgen sprechen. Die BRIC Länder (Brasilien, Russland, Indien und China) stehen als Kandidaten fest in den Startblöcken. Sehen Sie das auch so?

Webersinke:
Wenn die amerikanisch verwurzelte Rating-Agentur Standard & Poor’s die USA nicht mehr AAA ratet, markiert dies eine Zeitenwende. Die Verschuldungsproblematik der USA grenzt ihre Handlungsfähigkeit ein. Jede Krise – egal ob Naturkatastrophe oder Wirtschaftskrise – wurde mit Liquidität und neuen staatlichen Hilfsmaßnahmen bekämpft. Nun stößt dies an Grenzen. Können uns Regierungen vor weiteren Krisen schützen? Können wir immer wieder gerettet werden? Die Zweifel wachsen.

Andere Nationen sind Überschussnationen. Vor allem die BRIC-Staaten. China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und wenn China heute um 10 % wächst, wächst die Weltwirtschaft, obwohl Südeuropa schrumpft, obwohl Amerika nur schwach unterwegs ist. Die Bedeutung dieser Länder ist so groß, dass sie auf die Weltwirtschaft durchschlagen. Wachstumsvolkswirtschaften haben Vorbildcharakter, das heißt bei G20 Gipfeln, in den Diskussionen, wenn es um Außenhandel, um Spielregeln im Miteinander geht, wächst der politische Einfluss der Emerging Markets. Diese Länder haben noch viel Potenzial. Ihre Probleme sind nur Wachstumsschmerzen. Sie werden so schnell wachsen, dass die Infrastrukturen gar nicht mitkommen.

„Die Emerging Markets werden so schnell wachsen,
dass die Infrastrukturen gar nicht mitkommen.“


PASS AGE:
Schwellenländer sind geprägt durch Rechtsunsicherheit, Korruption, und – nicht selten – diktatorische Regierungen. Kann dies diese Länder aufhalten? Ihr Wachstum bedingt Kapitalzuflüsse aus dem Ausland, dies wiederum bedingt Vertrauen der Anleger.

Webersinke:
Die Kapitalanleger der Welt sind händeringend auf der Suche nach Kapitalanlagemöglichkeiten. Wenn der Chef des größten Rentenmanagers der Welt (PIMCO, Anm. d. Red.) sagt: „Bitte keine amerikanische Staatsanleihe mehr.“ dann muss er sich fragen: „Was mache ich dann?“ und wenn Sie die Aufgabe haben, festverzinsliche Wertpapiere in Ihrer Allokation zu berücksichtigen, dann kommen Sie ganz schnell auf Emerging Market Bonds. D. h. Sie werden sich den brasilianischen Real anschauen, Russland, Indien und andere Staaten und automatisch beginnen wir, Staaten aus der Zweiten und Dritten Welt in unsere Portfolios zu holen. Diese Veränderung ist in vollem Gange. Das ist nicht neu, sondern passiert schon mehrere Jahre, aber durch die Qualitätsverluste der traditionellen Industrienationen wird dieser Prozess noch beschleunigt. Der Kapitalzufluss in die Emerging Markets schwankt sehr stark, immer in der Krise sind wir in Sorge und ziehen kurzfristig wieder Geld ab – so war es 2008. Deshalb sind sie volatiler, heftiger schwankend als wir. Doch kein Fondsmanager, der international anlegt, kommt an diesen Märkten vorbei. Sie werden zunehmend reifer. Keine Frage: Wir haben immer Unsicherheit im Hinterkopf. Am Ende wählen wir zwischen verschiedenen Defiziten. Und wenn wir in der alten Welt qualitative Defizite haben, dann sind es in Emerging Markets ordnungspolitische Defizite.

PASS AGE:
Wie schätzen Sie die Entwicklung der heutigen Führungsnationen ein?

Webersinke:
Mit Amerika wird es spannend. Als Führungsnation verlieren sie. Sie waren ja unangefochten die Nr. 1. Das wird sich relativieren. Sie sind durch ihre extrem teuren Kriege an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gekommen. Das Land muss sich neu strukturieren. Positiv wirkt, dass die USA nicht das Demographieproblem haben wie wir, sie sind eine viel jüngere, weiter wachsende Gesellschaft. Sie haben schon eine Menge ganz anderer Krisen überwunden. Die Einmaligkeit Amerikas wird sich jedoch relativieren, die Macht anderer Player, gerade auch von China, wird wesentlich größer werden, so dass wir vielleicht 2020 zwei Führungsmächte in der Welt haben werden.

PASS AGE:
Welche Rolle werden denn die afrikanischen Staaten spielen?

Webersinke:
Die Hoffnung, dass nach Asien Afrika kommt, ist groß. „Next 11“ nennt Goldman Sachs eine Gruppe von Ländern, in der auch afrikanische Länder sind. Afrika wird gerade als Rohstoff- und Energielieferant entdeckt. Die Chinesen gehen ja sehr strategisch, um nicht zu sagen beängstigend, in Afrika vor. Sie erwerben im großen Stil Land- und Eigentumsrechte. Die Staaten Afrikas entwickeln sich sehr unterschiedlich. Es ist nicht ein Erdteil, der sich in eine Richtung entwickelt, sondern hier gibt es die vierte Welt, Länder ohne Rohstoffe, ohne Entwicklungspotenzial mit drastisch sinkender Lebenserwartung, wo man wirklich depressiv werden kann, wenn man sich die Zahlen anschaut. Andere Länder, Schwellenländer, kommen gut voran. Es findet Restrukturierung statt, es ist Wirtschaftswachstum zu beobachten. Was wir jedoch nicht aus den Augen verlieren dürfen ist, dass Afrika immer noch einen sehr geringen Anteil am Welthandel, am Weltsozialprodukt hat. Die Bedeutung im Vergleich zu Asien ist verschwindend gering. Noch immer ist es hauptsächlich ein Rohstofflieferant. Das wird sich auch in den nächsten 5-10 Jahren nicht verändern. Was mir große Sorge macht, ist das Bildungsthema. Bildung ist für die Langfristprognose aus meiner Sicht der entscheidende Punkt. In Asien ist der Bildungshunger der Menschen der Schlüssel zum Erfolg. Die Menschen dort setzen alles darauf, qualifiziert zu werden. Diese Leidenschaft kann man in Afrika noch nicht überall sehen.

PASS AGE:
Glauben Sie daran, dass die Defizite in den Emerging Markets durch Wachstum und zunehmenden Wohlstand sowie durch die Märkte reguliert, i. S. v. zum Positiven hin gewendet, werden?

Webersinke:
China ist ein Ein-Parteien-Staat mit allen Folgen, die wir bedauern und die Menschenrechtsverletzungen sind offensichtlich. Aber ich glaube, man muss im Hinterkopf haben, dass China ein großes, soziales Pulverfass ist. Es gibt extreme Unterschiede zwischen Arm und Reich – viel größer als bei uns. Im kommunistischen China können sich inzwischen 40 Mio. Menschen ein Premium-Auto leisten, während eine viel größere Anzahl Menschen nicht weiß, wie sie die Schale Reis füllen sollen. Die Unterbewertung des Yuan, die für überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, eben diese 10 % jedes Jahr sorgt, gibt den Menschen Hoffnung, z. B. der Landbevölkerung: „Ich gehe in die Stadt, ich fange an zu arbeiten und irgendwann wird es mir besser gehen.“ Wenn diese Hoffnung wegfällt, führt das zu sozialen Unruhen in China in gigantischem Ausmaß. Die Menschen werden in ihrer Verzweiflung auf die Straße gehen. Ägypten käme nach China. Dies ist auch für uns ganz schwierig. Gerne können wir unsere Vorstellungen von Menschenrechten, von einer gerechten Gesellschaft, versuchen zu exportieren und andere davon zu überzeugen, aber Gesellschaften, die so ungleich sind, auch von ihrem Bildungsniveau her, haben gigantische Spannungen im Inneren. Wir haben schon oft, zuletzt von Amerika aus, unsere Lebensvorstellungen exportieren wollen und Schiffbruch erlitten, weil Gesellschaften das nicht übernehmen können oder wollen. Weil natürlich auch Machtstrukturen da sind, die kein Interesse an solchen Umbrüchen haben. Wir müssen uns den gesellschaftspolitischen Wandel in China sehr sorgfältig anschauen. Vor dem Hintergrund der stark gestiegenen Nahrungsmittel- und Energiepreise kommen viele Menschen an existenzielle Probleme heran. Das müssen wir behutsam begleiten. Unsere Verflechtung, insbesondere mit China, ist intensiv. Käme es dort zu sozialen Unruhen, wie wir sie jetzt in Nordafrika erleben, würde dies unsere Wachstumsentwicklung massiv treffen, viel stärker als die japanische Katastrophe.

PASS AGE:
Wie bewerten Sie die Zukunft von Europa und den europäischen Emerging Markets (Ungarn, Tschechien, Polen, Bulgarien, etc.) vor dem Hintergrund dieser globalen Entwicklung?

Webersinke:
Europa ist eine alte, relativ wohlhabende Volkswirtschaft, aber sie ist klein. Von der Bevölkerungszahl sowieso schon, aber auch ihre Bedeutung am Weltsozialprodukt sinkt. Nehmen wir die Europäische Union und die Europäische Währungsunion: Hier erleben wir in den letzten zwei Jahren, dass wir ein inhomogenes Währungsgebiet sind, dass wir uns sehr unterschiedlich entwickeln, scheinbar auch sehr unterschiedliche Lebensentwürfe haben und deshalb große Mühe, die Europäische Währungsunion am Leben zu erhalten. Wir erleben eine massive Krise, viele Bürger wissen nicht mehr: „Was bringt mir die Europäische Währungsunion, was bringt mir der Euro?“ und fragen sich: „Sollen wir nicht wieder getrennte Wege gehen?“ Viele sehen die Wohlstandsgemeinschaft nicht mehr. Die Europäische Union und die Europäische Währungsunion haben uns sehr viel Wohlstand gebracht. Wir alle würden verlieren, wenn wir wieder getrennte Wege gehen. Das ist die Hausaufgabe 2011 und 2012, Stichwort Rettungsschirm, Stichwort Restrukturierung der Europäischen Währungsunion.

Emerging Europe, insbesondere Ost- und Südosteuropa birgt natürlich enorme Möglichkeiten, hängt aber eng mit dem alten Europa zusammen, weil wir stark miteinander verflochten sind. Da haben wir in der Finanzkrise heftige Rückschläge erleben müssen, weil einige Staaten sehr stark kreditfinanziert, sehr schnelle Lohnerhöhungen erlebt und damit schnell an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben. Hier muss man sich wirklich Land für Land anschauen. Durch die letzten Beitrittskandidaten sind wir in einem Ausmaß heterogen geworden, wenn ich da an Bulgarien und Rumänien denke, die weit von unserem Wohlstandsniveau entfernt sind; da sind Spannungen vorprogrammiert. Sie sehen, der Konvergenzprozess, den wir uns wünschen, muss gewaltige Distanzen überwinden und das schafft er nicht immer.

„Die Europäische Union und die Europäische Währungsunion haben uns sehr viel Wohlstand gebracht. Wir alle würden verlieren, wenn wir wieder getrennte Wege gehen.“


PASS AGE:
Wie sollte Brüssel den Interessenkonflikt zwischen schneller Vergrößerung der EU, um die beitrittswilligen Völker zu beschwichtigen, versus heterogene EU, die kulturell und wirtschaftlich einen Spagat unternehmen muss, lösen?

Webersinke:
Brüssel hat immer zwei Zielsetzungen und die dominierende ist die politische Zielsetzung. Die Europäische Union war anfangs kein ökonomisches sondern ein politisches Projekt, vor allem ein friedenspolitisches Projekt. Für die baltischen Staaten war es wichtig, das Fenster der Freiheit zu nutzen und in die Europäische Union zu kommen. Für die Balkanländer war es wichtig, beizutreten, um einen Rückfall in alte Zeiten zu verhindern. Auch Griechenland wurde nicht aus ökonomischen Gründen aufgenommen. Wir wussten von Anfang an, dass durch „kreative Buchführung“ die Zahlen nicht ausreichend waren. Ökonomisch hätte Griechenland nicht aufgenommen werden dürfen, das ist völlig unstrittig. Vor zehn Jahren gab es heftige Auseinandersetzungen auf dem Balkan und es war friedenspolitisch ausdrücklich gewünscht, Griechenland als stabilisierenden Faktor auf dem Balkan in die Europäische Union und auch Währungsunion aufzunehmen. Die ökonomischen Differenzen fallen uns jetzt natürlich vor die Füße. Ökonomie braucht Zeit und gleiche Zielsetzungen. Letzteres ist jedoch nicht der Fall, denn wir wollen aus politischen Gründen schnell zusammen kommen und übersehen dabei, wie unterschiedlich wir sind, im Hinblick auf Traditionen, Bildungsvoraussetzungen und vieles mehr. Das ändern Sie nicht in drei Jahren. Bildung als Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit ist sehr unterschiedlich in den einzelnen Staaten. Über die Vielfalt Europas eine Konvergenz zu stülpen und alles an dem wirtschaftlich erfolgreichen Nordeuropa zu orientieren, halte ich für fragwürdig. Besonders in Krisen, wenn wir an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit kommen, werden diese Differenzen deutlich. In dem Moment, ab dem wir nicht mehr so stark helfen, verlieren die Beitrittskandidaten auch das Interesse, denn: Alle sind beigetreten, weil sie so wohlhabend werden wollten, wie wir Nordeuropäer. Das war das Motiv. Wenn wir jetzt aber sagen, wir haben nicht mehr so viel Verteilungsspielraum in Brüssel, dann wird die EU unattraktiver - und die Beitrittskandidaten schauen natürlich sehr genau hin, was gerade in Südeuropa passiert.

„Über die Vielfalt Europas eine Konvergenz zu stülpen und alles an dem wirtschaftlich erfolgreichen Nordeuropa zu orientieren, halte ich für fragwürdig.“


PASS AGE:
Heißt das in der Konsequenz, entweder alle Staaten Europas sind früher oder später in der EU oder es wird eine Spaltung zwischen EU und dem restlichen Europa geben?

Webersinke:
Da sind die Länder sehr nüchtern. Nehmen Sie Polen: Das Land wollte eigentlich sehr schnell in die Europäische Währungsunion, vom Zloty in den Euro. Nun sagen sie, erstmal soll der Euro sich im Inneren stabilisieren, die Übergangsfristen können gerne auch länger sein. Wir haben ja schon länger einige Staaten die sagen, sie wollen keine Nettozahler werden. Die Norweger haben gar kein Interesse daran, in die Europäische Währungsunion zu kommen, trotz intensiver Wirtschaftsverflechtungen mit Europa.

PASS AGE:
Sprechen wir über Deutschland. Was muss Deutschland tun, um vor dem Hintergrund der globalen Entwicklung den Lebensstandard zu halten, zu verbessern und unsere Stärken in die Welt hinauszutragen?

Webersinke:
Die demographische Zukunft von Deutschland ist entschieden.

PASS AGE:
Wir müssen mehr Kinder bekommen.

Webersinke:
Genau das haben wir 30 Jahre nicht ausreichend gemacht. Dieses Thema ist sozusagen durch, denn Demographie hat ein langes Gedächtnis. Wir haben vor zwei Jahren erstmals einen Jahrgang halbiert: 1964 hatten wir doppelt so viele Geburten wie 2009. Das heißt, die Bevölkerungsentwicklung Deutschlands ist entschieden. Das ist nicht zu verändern. Was uns bleibt, wenn wir das Wohlstandsniveau erhalten wollen, unsere Sozialversicherungssysteme weiter ausfinanzieren, unser Miteinander weiterhin so gestalten möchten wie bisher, ist nur die Qualität. Das heißt, pro Kopf müssen wir mehr leisten und das geht über mehr Fähigkeiten. Es gibt immer die Entscheidung zwischen quantitativem und qualitativem Wachstum, ersteres wird uns nicht gelingen, aber es bleibt uns die qualitative Dimension. Dem entsprechend müssen wir über Bildung der bestehenden Bevölkerung mehr Fähigkeiten, mehr Möglichkeiten für den Einzelnen schaffen und da bin ich optimistisch. Wenn ich mit Studierenden zusammen bin, wird deutlich, dass sie diesen Zusammenhang sehr schnell erkennen. Sie wissen, der Weg zu Wohlstand und ihrer Zukunft geht über Qualifikation, über Bildung. Das ist ganz erfreulich, denn wenn wir nach Südeuropa schauen, ist das ja eine der Schwächen dieser Länder: dass sie Bildung nicht als strategisch wichtige Investition begreifen.

„Wenn wir in Deutschland das Wohlstandsniveau erhalten wollen, bleibt uns nur Qualität. Das heißt, pro Kopf müssen wir mehr leisten und das geht über mehr Fähigkeiten.“


PASS AGE:
Also könnte ein Szenario Deutschland als Bildungsexportland sein? Sprich, wir sind attraktiv als Studien- und Forschungsland für ausländische Studenten und die bleiben dann künftig auch eher hier bei uns, weil es so tolle Unis und Bildungsangebote gibt?

Webersinke:
Das versuchen wir ja seit Jahren. Aber wir sind nicht attraktiv für die klugen Köpfe dieser Welt. Die klugen Köpfe dieser Welt gehen unverändert in die USA oder ein paar andere Nationen. Ein paar kommen zu uns, aber das ist verschwindend wenig. Es fehlt uns hier an Kultur und Integrationsfähigkeit. Das heißt, es ist nicht attraktiv für Leistungsträger, für überqualifizierte Menschen, nach Deutschland zu kommen. Das ist ein Politikum, wir diskutieren schon ganz lange darüber. Wir haben einfach ein anderes Verständnis im Miteinander. Das gilt ja auch im Inneren unserer Gesellschaft. Wir haben andere Vorstellungen von Gerechtigkeit, von Verteilungsgerechtigkeit. Stichwort: Entsendegesetz, da kommen ja Grundeinstellungen von Volkswirtschaften zum Ausdruck. Wir stellen immer den Schutzgedanken der eigenen Bürger ganz nach vorne. Das ist kein freundlicher Akt gegenüber Migranten.

„Deutschland ist nicht attraktiv für die klugen Köpfe dieser Welt.“


PASS AGE:
PASS hat für sich als Mittelständler die Agenda 2025 formuliert, ein Strategiepapier für die nächsten 15 Jahre. Was prognostizieren Sie für Deutschland und Europa in dieser Zeitspanne?

Webersinke:
In den letzten fünf Jahren haben wir gewaltige Fortschritte gemacht. Wir waren viele Jahre Schlusslicht in Europa mit den geringsten Wachstumsraten. Internationale Kapitalanleger waren entsetzt über eine verkrustete, alte, wohlhabende Volkswirtschaft. Es ist uns gelungen, über eine Reihe von Maßnahmen, die vor allem in den Unternehmen stattgefunden haben, unsere Volkswirtschaft zu modernisieren und zu restrukturieren. Das hat dazu geführt, dass die Unternehmen heute, wenn wir uns den IFO-Test anschauen, so optimistisch sind, wie seit 42 Jahren nicht mehr. Also seit mehr als einer Generation sind Unternehmen in Deutschland nicht mehr so optimistisch gewesen. Und das, obwohl wir jedes Jahr eine Jahrhundertkrise haben. Das passt scheinbar überhaupt nicht zusammen, aber der Schein trügt. Denn in einer Krise lernen wir, in einer Krise verändern wir Strukturen. Für mich ist das, was wir in Amerika, in Europa erleben, ein Weckruf. Wir haben viele Jahre lang einfach Verschuldung hingenommen. Es ging ja allen gut und dem entsprechend war das unproblematisch. So fand Politik statt. Jetzt verändern wir Strukturen. Unter dem Rettungsschirm restrukturieren wir die schwächeren Volkswirtschaften in Europa. Der Optimismus der Unternehmen und das Aufnehmen der Krise als Chance sind positiv, aber natürlich nur für die Volkswirtschaften, die fähig sind, die Möglichkeiten zu nutzen. Die handlungsunfähige griechische Volkswirtschaft hat nichts von dem Aufschwung, kann daran nicht partizipieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass Deutschland zu den Erfolgreichen der nächsten 15 Jahre gehört. Wir haben die Voraussetzungen geschaffen, was unsere Fähigkeiten und die Restrukturierung unserer Volkswirtschaft betrifft. Trotz unserer traurigen demographischen Entwicklung werden wir auch 2025 sicherlich einen wichtigen Beitrag zur Weltwirtschaft leisten. Natürlich werden die Emerging Markets, die BRIC-Staaten im Besonderen, wesentlich bedeutender sein. Es wird alles viel schneller gehen, als wir uns das vorstellen.
Machtpolitisch heißt das aber, dass G20, GAT und andere Spielregeln sich in Zukunft viel stärker an den Emerging Markets orientieren werden. Hier ist es wichtig, dass Europa – zumindest ein Stück weit – mit einer Stimme spricht, sonst wird man uns überhören.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass Deutschland zu den Erfolgreichen der nächsten 15 Jahre gehört. Wir haben die Voraussetzungen geschaffen, was unsere Fähigkeiten und die Restrukturierung unserer Volkswirtschaft betrifft.“



PASS AGE:
Bedeutet die Verkleinerung der Anteile Europas und der USA am Weltsozialprodukt „nur“ einen Machtverlust oder auch eine Wohlstandsveränderung, sprich: -verschlechterung?

Webersinke:
Die Verkleinerung der Anteile Europas und der USA an der Weltwirtschaft bedeuten Macht- und Wohlstandsverluste. Macht und Wohlstand sind untrennbar miteinander verbunden.